Jegor
Prolog Teil I
Es war eine dunkle Winternacht, in der ein kleiner Junge das Licht der Welt erblickte. Im Kerzenschein jener Nacht wurde der Neugeborene von seinem stolzen Vater in die Höhe gehalten und zum ersten mal bei seinem zukünftigen Namen genannt: Jegor
In der Nachbarschaft des kleinen Dorfes das den Namen Grisburg trug, hatte sich diese Botschaft rasch verbreitet.
Die Jahre verstrichen in dem Dorf, das inmitten eines Waldes weit unten in einem Tal lag. Es war sogar so gut versteckt, dass Reisende häufig nur durch Zufall darauf stießen.
Hohe Berge, dessen Wipfel von Schnee bedeckt waren, stachen rings um dieses Tal in die Wolken des Nordens.
Den Bürgern der Großstadt war diese Stadt unbekannt und das war auch gut so, denn nur selten kam ein Reiter aus Brien um die Steuern für den König einzufordern.
Das kleine Haus der glücklichen Familie war alt und schön. Schon viele Generationen vor ihnen hatten es darin gut gehabt und nicht zuletzt war der sorgfältige Bau der Grund, weshalb sie im Winter nicht frieren mussten. Bis auf die Fenster des Steinhauses war das Haus ein Prachtbau für eine einfache Schmiedfamilie. Es war das beste und schönste Haus des Dorfes und ebenso ein Andenken an frühere Generationen väterlicherseits.
In dem zweihundert Seelendorf war niemand sehr reich. Die Gassen waren von kleinen Holzhütten gesäumt, die gerade ausreichend für den Winter gebaut wurden. Ganz zu schweigen von einem Anwesen, sowas besaß niemand in diesem Tal, denn das war allenfalls etwas für die Bürger von Brien, der Hauptstadt des Königreichs.
Die Bürger, die in Grisburg lebten, hatten ihre Familien und Freunde, und das reichte ihnen vollkommen.
Alle kannten sich dort untereinander und niemand war an einem höheren Leben interessiert, denn sie teilten geschlagenes Feuerholz, halfen sich gegenseitig bei Reparaturen an den Hütten oder bei der Ernte und genossen die grüne Idylle als eine riesige Familie. Sie konzentrierten sich auf die wesentlichen Dinge im Leben.
Ein weiterer Vorteil ihres Lebens in dem Tal war der außergewöhnlich fruchtbare Boden. Aus jenem Grund hatten die Bauern aus dem Dorf viele Felder auf Lichtungen bestellt.
Der Ertrag daran war groß und die langen Winter konnten jedesmal ohne Probleme überwunden werden, da die Speicher stets mit Getreide gefüllt waren. Brot konnte gebacken und Bier gebraut werden. In den Wäldern von Talaniel wurden Pilze, Beeren und andere Früchte gesammelt und verarbeitet.
Die Wirtschaft und der Tausch von Nahrung und Material gelang ausgesprochen gut und Reisende durften sich stets auf gemütliche Gasthäuser freuen, ein wahrhaft schönes Dorf.
Ein Vogel, voll Glück und Freude zwitschernd, glitt spielerisch um den Kopf eines alten Mannes.
Er lief mit einem Gehstock und weiß ergrautem Bart mühsam durch eine Gasse. Er murmelte seltsam vor sich hin. Es schien, als nähme er seine Umgebung garnicht wahr.
Auch als ein junger Bursche von dem dorfeigenen Brunnen hüpfte und sich unmittelbar vor ihn hinstellte ging er unbeirrt weiter.
Wie so oft schon ging der Junge dem alten Mann nach.
„Ich weiß, dass Ihr nicht so seid, wie Ihr es vorgebt.“, sagte er fest zu dem Mann mit den faltigen Zügen. „Hört endlich auf damit! Ich bin alt genug um Euren Geschichten zu lauschen.“
In früheren Jahren hatte er sich Abend für Abend im Heu versteckt und den Geschichten des alten Mannes sein Ohr geliehen. Zunächst war er dort im Verborgenen gewesen, doch irgendwann hatte man ihn entdeckt, als er sich nicht genügend mit Stroh zugedeckt hatte.
Seither hatte er den Alten viele Male übereden können, sich zu dem Publikum setzen zu dürfen. Vor einigen Wochen jedoch hatte das ein jähes Ende genommen.
Der Mann hatte beschlossen, dass er zu alt sei, um noch gute Geschichten erzählen zu können.
Das sah der Junge jedoch anders. Er wollte diesen fabelhaften Worten lauschen.
Fortsetzung folgt..
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